Verfasst: Di 23. Sep 2008, 09:21
Bin gerade bei Sport1.de auf eine sehr geile Kolumne von Toni Schumacher gestoßen die ich hier gerne zitieren möchte... es ist der zweite Teil, der erste handelt kurz und knapp das Thema Bayern vs. Bremen ab...:
Also im Ernst, der spricht mir aus der Seele...Lasst Rensing in Ruhe!
Für Sport1.de schreibt der Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher über den Bremer Kantersieg in München und die Qualität der Bundesliga:
Was war das bloß für eine Fußball-Woche!
Mit dem Super-Gau der Bayern gegen Werder als absoluten Höhepunkt. Eine Demontage von historischem Ausmaß und Langzeitwirkung. Der Meister, der Branchenführer - K.o. gegangen und zerlegt. In Einzelteile. Abgewatscht zur Wiesn-Eröffnung. Und jetzt werden ALLE wieder durchdrehen
Gleich vorneweg: Lasst bitte den Michael Rensing in Ruhe! Wenn ein unbestrittenes Torwart-Talent mit einer minimalen Bundesliga-Erfahrung nun der Grund für die erste Bayern-Krise der Saison sein soll - dann verstehe ich die Welt nicht mehr!
Den Bayern hat gegen Werder ALLES gefehlt. Biss, Kampf, System, Willen. Deshalb: Auch ein Oliver Kahn im Tor - oder ich - hätten gegen Bremen in schöner Regelmäßigkeit hinter sich gegriffen, um den Ball aus dem Netz zu holen.
Die Bayern werden spätestens jetzt wissen: Champions League und Bundesliga sind eben zwei Welten. Auch mal anders rum!
Nur beim Meister angestellt zu sein, heißt nicht, dass man den nationalen Titel im Jogging-Trab erkicken kann und dann in der Ruhe-Zone des Trainingsgeländes einen Espresso schlürfen darf. Bukarest ist eben nicht Bremen
Und damit sind wir WIEDER mittendrin im Thema: Wie gut ist der Deutsche Fußball wirklich? Oder wie schlecht? Ist die Bundesliga eine optische Täuschung, eine sportliche Fata-Morgana? Unsere Klubs international nur Strohpuppen ohne Inhalt?
Ich habe ALLE Kommentare und Reaktionen der Sport1.de-Leser mehrfach gelesen und inhaliert, mir Gedanken gemacht. Kritische, lächelnde, manchmal sogar wütende. Aber: Ich BLEIBE dabei. Die Bundesliga ist für mich GUT. WETTBEWERBSFÄHIG. Auch international.
Weil ich die Bundesliga als GESAMT-PRODUKT sehe und begreife. Als das tägliche Brot. Als Entertainment-Kultur unseres Landes. Und deshalb will ich mal einiges KLARSTELLEN, tiefer gehen als sonst an einem Montag auf Sport1.de!
Wir glorifizieren die anderen Ligen: England spielt schneller, die Stimmung ist besser, Liverpool und Anfield Road, ManU und Old Trafford. Fußball-Geschichte zum Greifen, Anfassen. VÖLLIG RICHTIG.
Aber: das war schon immer so, schon zu meiner aktiven Zeit. Fußball auf der Insel, war und ist der Fußball des Volkes. Ehrlich, gradlinig, hart und klar. Und seit wann ist die Premiere League das Maß der Dinge: Seit Geld durch Investoren in die Klubs gepumpt wird, Super-Stars aus dem Ausland geholt werden, die Vermarktung immer mehr professionalisiert wurde, man die gefürchteten Hooligans in den Griff bekommen hat.
Ausländische Trainer den britischen Fußball-Stil modernisierten und einen eigenen Stil kreierten. Arsene Wenger, Gerard Houllier, Rafael Benitez, Jose Mourinho, Ruud Gullit. Sogar die Nationalmannschaft wurde im fremde Hände gegeben: Sven-Göran Eriksson, Fabio Capello. Die Grundeinstellung in England: Nur das Beste ist gut genug für die Mannschaft. Top-Trainer, Top-Spieler, kein Mittelmaß mehr. In der Spitze.
Wir schauen neidisch nach Spanien: Real, Barca. Und dann? Valencia. Gut. Und dann? Villarreal ist das neue Zauberwort, Atletico Madrid. Jetzt mal ehrlich: Seit Wann?
Villareal ist wie die 1899 Hoffenheim: 2000 aufgestiegen in die Primera Division, 2003 und 2004 für den Uefa-Cup qualifiziert, Stars gekauft wie Riquelme, Sorin, Forlan. 2004/05 erstmals in der Champions League, Halbfinale erreicht. Seitdem Mitglied der Familie der Top-Klubs. Die Infrastruktur: 16.000 Mitglieder, das Stadion "El Madrigal" fasst 23.000 Zuschauer. Ein Klub im Wachstum.
Atletico Madrid: Seit zwei Jahren wird Geld in die Mannschaft gepumpt, konsequent und ohne Rücksicht auf irgendwas. Forlan, Aguerro, Coupet, Ujfalusi. Das Stadion "Vicente Calderon" - eine Bruchbude. Die Vermarktung: Im Vergleich zur Bundesliga nur Mittelmaß.
Wir träumen von Italien: Juve, Roma, Milan, Inter. Und dann? Jetzt wird Udine genutzt um die Unfähigkeit von Borussia Dortmund zu belegen. Ein italienischer, angeblicher No-Name-Klub beweist: Die Bundesliga ist nur GRAU?
Udine: da spielten mal Oliver Bierhoff, Amoroso, Candela, Fiore, Helveg, Zico. Ganz früher: mein ehemaliger Mannschaftskamerad Herbert Neumann. Der Trainer des Aufbaus: Alberto Zaccheroni (später Milan). Also - nur nebenbei - Udine ist ungefähr so wie Hertha BSC. Also blind? Da muss ich schmunzeln
In Italien fliegen brennende Mofas vom Oberrang, zerstören die Hooligans die Freude am Fußball-Live-Besuch, ist der Krieg der Fans mittlerweile wichtiger als das Spiel, werden marode und bankrotte Klubs seit Jahren durch private Geldspritzen am Leben gehalten, damit die Liga weiter spielt. Schulden machen, gewinnen - der Rest ist egal.
Was ich sagen will: Wir in Deutschland haben eine vernünftig geführte Liga, haben internationale Stars, unser Fußball ist gleich geblieben, gleich stark, die Infrastruktur von Stadien im Vorfeld der WM 2006 zur Perfektion gepusht worden. Die anderen Länder haben aber aufgeholt, in der Spitze überholt.
Nur unsere Einstellung ist immer noch griesgrämig, verbohrt. Ein 3:3 in Finnland ist immer noch eine Katastrophe. Dabei spielen mehr Finnen in der so gerühmten Premier League als wir ahnen. Zypern ist für uns Urlaubsland, keine Kicker-Tradition. Also Fußball-Deppen?
Unser Problem: Wir sitzen immer noch auf einem hohen Ross. Weil es uns tatsächlich gut geht: Unsere Stadien sind ausverkauft, es gibt internationale Gesichter in der Bundesliga, das TV sendet satt.
Aber wir wollen immer das "UNGLAUBLICHE", das "WAHNSINNIGE". Jedes Spiel muss ultimativ sein, der absolute Höhepunkt. Die mediale Berichterstattung macht aus jedem Tor ein Tor des Jahres - sonst ist es nichts wert. Dieses immer aufregend sein, immer unfassbar.
Das ist Selbstzerstörung.
Unsere Liga funktioniert. Unsere Nationalmannschaft funktioniert. Vielleicht mit weniger Glamour, mit weniger Ausstrahlung. Aber eben regelmäßig.
Ich bin FÜR die Änderung der 50+1-Regel, damit frisches Geld in den Fußball fließt, Aber kontrolliert und mit Sinn und Plan. Ich bin für die Kritik an unserem Fußball. Wenn sie verbessern will.
Ein Beispiel: Schalke, der Bayern-Herausforderer der letzten Jahre hat in den letzten 14 Monaten Jahren etliche Stars geholt, die auf der Bank versauern: Sanchez, Lovenkrands, Streit, Ze Roberto II, Grossmüller. Dieses Geldpaket in eine echte Verstärkung investiert - also englisch denken - dann wäre es vielleicht noch besser.
Also: Genießt die Bundesliga, jedes Wochenende. Auch wenn mal über den Ball gedroschen wird. Ergebnisse wie zuletzt - die Bayern lassen grüßen - sind das Salz in der Suppe. Und ein Samstag in einem Deutschen Stadion ist gar nicht so schlecht, wie man meint: bei Atletico Madrid kostet ein Ticket ohne Dach über dem Kopf (Sitz mit Taubendreck) mit einer Tüte Pistazien und einem Bier im Plastikbecher 70 EUR
Bis nächste Woche.
Euer Toni Schumacher.
P.S. Freue mich schon auf Eure Reaktionen!